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Das erste Kapitel meines Jugendromans "Flasche", Kilian Andersen Verlag, 2018

Und was, wenn mein Leben gar keinen Lauf hat? Bis Dienstag sollen wir für Deutsch unseren Lebenslauf aufschreiben. Mein Leben läuft aber nicht! Es humpelt, kreist um schwarze Löcher, fällt hin, steht auf, fällt wieder hin ... Es schwimmt auf einem dunklen See, der mir Angst macht. Manchmal dachte ich schon, es läuft doch, aber darauf falle ich nicht mehr herein. Das ist nämlich so: Immer, wenn ich denke, es läuft doch, wenn ich mich gerade freuen will, dann kommt es so richtig dicke. Bei mir kommt es so oft dicke, das würde locker für drei reichen.

 

Neulich habe ich in der Kibi - so heißt unsere Kinderbibliothek - von einer Heilpflanze gelesen: "Gundermann". Früher haben sich die Leute, wenn sie Kummer hatten, zum Gundermann auf die Wiese gesetzt und dieser kleinen Heilpflanze von ihren Problemen erzählt: "Gundermann, du lieber Mann, hier trag` ich dir mein Leiden an" - so haben sie damals gesagt.

 

Erst fand ich diesen Spruch komisch, aber dann ging er mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Also hab ich mich heute vor der Kibi auf eine Wiese gesetzt und lange nachgedacht ... Ich habe eigentlich niemanden, dem ich von mir erzählen kann ... Wenn mich aber etwas beschäftigt, dann muss ich es erzählen. Unbedingt! Sonst staut sich alles in meinem Kopf, bis ein dicker Knoten daraus wird! Und weil ich schon lange niemandem mein Herz ausschütten konnte, habe ich inzwischen ein so schlimmes Knotendurcheinander im Kopf, dass er fast platzt!

 

Herr Heilig aus der Kibi meinte neulich, jeder Mensch sollte ein Ventil haben. Das habe ich zuerst nicht verstanden, aber ich habe es mal nachgeschaut ... Mhm, wie soll ich das erklären? Ein Ventil ist ein Teil, mit dem man vorsichtig Druck ablassen kann, ohne dass etwas kaputt geht. Und wo sehr viel Druck ist, kann nämlich eine ganze Menge kaputt gehen, wenn man nicht sehr vorsichtig ist.

 

Also ich sollte dringend ein Ventil haben! Mein Ventil ist das Erzählen, soviel habe ich schon verstanden. Also habe ich heute beschlossen, alles aufzuschreiben - über mein Leben und diese blöden Knoten in meinem Kopf. Aber das werde ich bestimmt nicht meinem Deutschlehrer geben, für den denke ich mir noch etwas aus. Nein, ich will diesem Gundermann von mir erzählen, so wie die Leute das früher gemacht haben. Na ja, nicht ganz - ich setzte mich jetzt nicht auf die Wiese und erzähl Geschichten! Ich schreibe lieber Briefe an diesen Gundermann. Ich glaube, ich nenne ihn ... Anton. Ja, das gefällt mir, Anton Gundermann. Ich stelle ihn mir als winzig kleinen Mann vor, mit einer lustigen Mütze. Er hat freundliche Augen, riesengroße Ohren und ist bestimmt ein toller Zuhörer ...

 

Hallo Anton! Das hier wird mein erster Brief an dich ...

 

Aber ich werde dir nicht verraten, wer ich bin! Nicht meinen Namen, mein Alter und wo ich wohne. Nicht einmal, ob ich ein Junge oder ein Mädchen bin. Oder ... das wird vielleicht zu schwierig, da krieg ich ja wieder Knoten im Kopf. Also gut. Ich bin ein Mädchen. Meinen Namen verrate ich aber ganz bestimmt nicht. Ich nenn mich einfach ... Flasche. So nennen mich die Anderen. Das ist natürlich nicht nett gemeint. Aber weißt du was, Anton? Ich mag den Namen, irgendwie.

 

Die Stadt, in der ich lebe, nenne ich hier ... Niemandsland. Einmal sind wir verreist, also richtig, in ein anderes Land - nach Italien. Dort gab es zwischen den Grenzen ein Niemandsland, das keinem gehört. Ich fühle mich in letzter Zeit oft, als würde ich an einer Grenze, in so einem Niemandsland festhängen ... Damals, in Italien, war mein Vater schon krank. Ich glaube, meine Eltern haben geahnt, dass es seine letzte Reise sein wird. Darüber gesprochen haben sie nicht, zumindest nicht mit mir. Bei uns wird sowieso nie über irgendwas richtig gesprochen, jeder macht alles mit sich alleine aus.

 

Meine Mutter ist eigentlich ganz in Ordnung. Sie ist immer für mich da, so, wie sie eben kann. Aber wenn ich an sie denke, dann zieht es ganz komisch in meinem Bauch ... Ich glaube, sobald Mama alleine ist, weint sie. Meistens hat sie rote Augen, wenn ich nach Hause komme.

 

In letzter Zeit bin ich oft wütend auf Mama, ich weiß gar nicht, warum. Dann bin ich ganz schön gemein zu ihr. Morgens, wenn ich aufwache, nehme ich mir ganz fest vor, lieb zu ihr zu sein, aber wenn ich sie dann sehe, so grau und müde, wie sie versucht, zu lächeln - da werde ich zum Monster. Ich mache ihr das Leben echt zur Hölle. Das kann ich einfach nicht stoppen. Aber sie wird nie wütend, nur traurig. Ich wünschte, sie würde mal wütend werden. So richtig wütend.

 

Es gibt aber auch Momente, da ist es fast wie früher. Manchmal, wenn es regnet, sitzen wir auf unserem alten, roten Riesensofa, ich kuschele mich an Mamas weichen Bauch und sie erzählt mir Geschichten, wir schauen einfach den Regentropfen zu, wie sie auf den Fensterscheiben wandern oder singen zusammen Kanonen. Mein Papa konnte wunderbar singen. Das habe ich geliebt.

 

Anton? Das habe ich noch nie irgendjemandem gesagt ... Aber ich muss es jetzt einmal loswerden ... Mann, das ist schwer ... Als es meinem Papa ganz schlecht ging, habe ich mir irgendwann gewünscht, dass er stirbt. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass man sich so etwas wünschen kann. Aber man hält es einfach nicht mehr aus. Man kann einfach nicht mehr mitleiden, man will nicht mehr umsonst hoffen. Wie lange kann man eigentlich nicht mehr können? Mein Vater konnte schon verdammt lange nicht mehr und lebte trotzdem immer noch. Als er dann starb, fühlte es sich so an, als wäre auch von mir ein Teil gestorben. Wenn jetzt auch noch Mama weg wäre, das würde ich einfach nicht überleben. Manchmal, wenn ich in der Schule bin, würde ich am liebsten kurz zu ihr fliegen, wie ein Vogel, um zu schauen, ob es ihr gut geht.

 

Wenn jemand stirbt, ist es ganz anders als in Filmen. Mhm, wie kann man das beschreiben? Vielleicht ist es ein bisschen so, wie wenn du Löwen schon aus dem Zoo kennst, hinter Panzerglas. Aber dann hockt plötzlich einer vor dir, ohne das Glas dazwischen. Du bist ganz alleine mit diesem verdammten Löwen und weißt, dass er dich auffressen kann. Aber er wartet, sitzt nur da und starrt dich an. Unvorstellbar lange. Stell dir mal vor, Anton, du schläfst abends ein und der Löwe sitzt direkt vor dir, jeden Abend, du kannst ihn fast riechen. Morgens wachst du auf, erst siehst du ihn vielleicht nicht, aber dann, wenn du aus deinem Zimmer kommst, springt er dich an und wirft dich um. Aber wieder frisst er dich nicht auf. Er hält dich nur gefangen mit seinen riesigen Tatzen, manchmal beißt er dir auch Wunden, die aber keiner sehen kann. Und so bleibt das für ganz lange, vielleicht für immer, das weiß ich noch nicht.

 

Kannst du dir das "Immer" vorstellen, Anton? Wenn ich versuche, mir das unendliche Universum vorzustellen, wird mir schwindelig. Ich glaube, mein Kopf ist einfach noch zu klein für solche Sachen wie die Unendlichkeit ...

 

Ich schau mir so gerne die Sterne an. In der Stadt sieht man sie ja nicht gut, aber damals, als wir in Italien waren, auf unserer letzten Reise, haben wir eine Nachtwanderung gemacht, nur Papa und ich. Mit ihm zusammen hatte ich fast keine Angst im Dunkeln. Wir haben in dieser Nacht Glühwürmchen gesehen! Ich hab mich so gefreut, dass ich weinen musste. Papa hat auch geweint ... Anton, ich glaube, man kann zur selben Zeit glücklich und traurig sein, das geht.

 

Wir haben uns an den Strand gelegt und in die Sterne geschaut. Alles hat geleuchtet! Der Himmel war voller Sterne, um uns tanzende Glühwürmchen ... Papa lag direkt neben mir - meine Seite war ganz warm von seiner Wärme. Und das Meer rauschte - es klang, als wäre es in mir. Wir waren ganz lange still und dann hat mir mein Vater eine Geschichte erzählt, eine wunderschöne Geschichte. Aber die erzähle ich keinem, sie gehört nur mir alleine.

 

Vier Wochen später war Papa tot ... Irgendwie kann ich nicht anders, ich muss seinen richtigen Namen sagen, ich weiß auch nicht, warum. Mein Papa hieß Walodja. Das stammt aus Russland. Leider kann ich kein Russisch. Als kleines Kind wollte ich es so gerne lernen, aber mein Vater war wenig da, er hat immer gearbeitet und meine Mutter hat die Sprache nur ein bisschen in der Volkshochschule gelernt. Papa war als Student hierher gekommen, dann hat er, so hat er es mir erzählt, eben unsere wunderschöne Mama kennengelernt und ist hier hängengeblieben. Ich glaube, er hatte immer Heimweh, aber das hat er nie gesagt. Vielleicht hat er auch deshalb fast nie Russisch gesprochen? Mein Papa hat sowieso nie viel von sich erzählt. Ich mache das jetzt anders, ich erzähle alles. Ich versuche es.

Das Buch kann direkt beim Kilian Andersen Verlag bestellt werden.