Lustig, ich habe jetzt eine Weile überlegt, wie ich diese Seite nennen will. "Erwachsene" klingt vielleicht so, als wären die Texte hier nicht jugendfrei. Es ist wahrlich nicht einfach, die richtigen Worte zu finden - ich bin nicht Autorin, weil es mir immer leicht fällt, sondern weil es so kostbar ist, wenn man fündig wird. Und genau deshalb habe ich den Seitentitel jetzt so stehen lassen. Ein einziges Wort kann bei drei Menschen drei verschiedene Assoziationen auslösen - das finde ich ungemein faszinierend.

 

Hier also ein kleiner Einblick in meine Texte "für Erwachsene"

* * *

Künstler in Lübeck, edition fast am meer, 2020

 

In diesem Buch "zeichne" ich Porträts in Worten. Ich habe es letztes Jahr selbst heraus gebracht. Ein Kulturfunken-Projekt, gefördert von der Possehl-Stifung. Sie können es in meinem kleinen Laden bestellen.

 

 

Eine Art Vorwort

 

Und dann dachte ich, es war an einem grauen Novembertag ... nein, ich dachte nicht, es war vielmehr ein gewisses leuchtendes Fühlen in dieser Frage: Was wären wir wohl, wir Menschen, ohne Kunst?

 

Ohne Kunst, die uns mit einem einzigen Klang in so andere Welten bringen kann, die unser Herz zum Rasen bringt, uns in den Knochen juckt, uns rettet, wachsen lässt, umhaut. Fragen stellt, die wir so lange hören wollten, Fragen, auf die wir nie gekommen wären. Die uns versteht, wenn wir fremd sind in der Welt. Kunst, die unsere Sinne nährt, die uns verwirrt, provoziert, herausfordert, verbindet, über uns hinauswachsen lässt. Die Zeit außer Kraft setzen kann, uns die Unendlichkeit ahnen lassen, uns staunen macht, die größer ist als wir fassen können, zum Lachen bringt, verzaubert, betört, die uns mitfühlen lässt, klüger macht, schöner macht, die hässlich sein darf, manchmal sogar muss, die heilt, ja - heilt. Sie ist unsere feierliche Stunde, unser Lied, sie ist heilig. Sie schreit für uns, sie schweigt mit uns, macht uns mutiger, ist Freiheit, Anarchie, Alchemie. Soundtrack unserer Sternstunden, unser Trost. Ist, was wir nicht wagen zu sein. Erinnert uns an unsere Träume. Spricht aus, wofür es keine Worte gibt und was doch nicht unausgesprochen bleiben kann. Sie ist unser Sommer mitten im eisigen Winter ...

 

 

Guillermo Steinbrüggen, Bildhauer

 

Ein Lied schweigend

aus Geduld und Gestein,

tanzt der Meister um

Tonnenlastengestalten.

Still hält er Zeiten an,

Unendliches zu formen -

aus Mysterienquellen,

sublimen Erdenkräften,

verkörperter Berufung.

 

 

Florian Galow, Kontrabassist

 

Wohl millionen Takte weit gereist, jetzt ankommend im Waldhaus, sein Bass mit Riss, er ist genau richtig so, ruht im Winter mal ein paar Tage, alles hat seine Zeit, da gehen schöne Saaten auf, sogar aus Wüstentagen, geerdet, gelassen, genießend, das klingt ganz unaufgeregt, uneitel, herrlich sinnlich, schmunzelnde Augen kennen die Waldnachbarn gut, der einbeinige Vogel bekommt seine Rosinen, gerecht wird groß geschrieben, man freut sich sogar auf die nächste Vereinssitzung, denn hier im Waldhaus fängt vielleicht das Paradies an, es kommt so viel Gutes zusammen, alles findet seinen Platz, hält sich einfach nicht unnötig an Knotenpunkten auf, klar entschieden, eine gute Zeit zu haben, miteinander ... reife, tiefe Töne, ungesättigt, die einladen, zufrieden zu sein.

 

 

Andreas Hutzel, Schauspieler

 

gib dem künstler

nur sein bandoneon

in großer, weiter zeit

ein atmen, ein song

corazón ... corazón

lass ihn ruhig spielen

in flirrender kraft -

unprätentiöser präsenz

nachdenkendem körper

er kann könig sein, auch

gaukler oder viele - lass

einfach die lieben da sein

und raum und zeit und,

ja, das bandoneon ...

* * *

Mit großer Freude bin ich Teil des Lübecker Lyriktreffs, dort lesen wir uns monatlich in freier, bunter Runde unsere Gedichte vor. Für jeden Monat suchen wir uns ein neues Thema - ich mag es, wochenlang auf einem Wort herumzukauen, bis dann der Esel mit Glück einen kleinen Taler sch... Seit gestern hat unsere Poetengruppe eine kleine, eigene Internetseite.

die erste amsel


winterdunkel
ins mark gekrochen
es zersetzt letzte
sommerspeicher
in dieser nacht
singt eine amsel
die erste amsel
sie fühlt sich wohl
berufen zu singen
am ende dieser nacht
da drängt etwas in ihr
das werdende licht
eine heilige ahnung
lang hat sie
gesammelt
als botin des himmels
wie im rausch
bringt sie uns
nun große kunde
wir dürfen hoffen

 

 

 

am grund


vom stillen gesang des lichts
ein großes staunen erhebt den blick
heilig verbundene wege ins nichts
künden vom sanften, freundlichen ja
ja, heimgekehrt ins menschental
vom herz, das endlich wieder sah
flügelspannenweit von qual zu qual -
am grund kehrt das hoffen zurück

 

 

 

auch an wintertagen, dunkelkalten


als ich dir sage, dass ich dich liebe
konterst du, liebe wäre zu allgemein
wenn ich also bei dir bliebe
müsse mein ziel klar sein
ich soll sagen, was ich will, erwarte
genau definieren, was du mir seist
ha! so vergeht doch alles zarte -
ich vergess kurz, wie du heißt
dieses bei uns sein, das so warm singt
so wortlos reich, frei, licht, bejahend
ohne zu fragen, was es denn bringt
lachend, tief, nährend, nahend
nicht definieren, lieber vertrauen
wagen, zaubern, gegenwärtig sein
vielleicht auch - ein zuhause bauen
aus erdenholz und fliessgestein
ich liebe, dass wir verschieden sind
uns immer auch wachsen lassen
unbändig, lauter und auch mal kind
wandern auf abwegigen straßen
wenn ich sage, dass ich dich liebe
will ich dich nicht engen oder halten
ich will dir sagen, dass ich bliebe
auch an wintertagen, dunkelkalten